Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der selbst die Kindheit ziemlich durchgetaktet ist. Kindergarten, Schule, Hobbys, Verabredungen, Ausflüge, Kurse und dazwischen möglichst noch ein schönes Familienprogramm.
Dabei frage ich mich immer wieder: Wann dürfen Kinder eigentlich einfach nur sein?
Ohne Programm. Ohne Aufgabe. Ohne jemanden, der ihnen sagt, was sie als Nächstes machen könnten.
Und vielleicht sogar: Wann dürfen sie sich einfach einmal langweilen?
Ich möchte gleich vorwegnehmen: Das hier ist kein Plädoyer gegen Hobbys, Ausflüge oder gemeinsame Unternehmungen. Es ist lediglich meine persönliche Sicht darauf, wie es sich für uns als Familie gut und richtig anfühlt. Jede Familie ist anders, jedes Kind ist anders und genauso unterschiedlich dürfen unsere Wege sein.
Langeweile darf sein
Ich bin der Meinung, dass Kinder lernen dürfen, mit Langeweile umzugehen.
Auch wenn das für uns Eltern manchmal bedeutet, ein „Mama, mir ist langweilig!“ auszuhalten, ohne sofort fünf Beschäftigungsideen aus dem Ärmel zu schütteln.
Denn erstaunlich oft entsteht genau aus dieser Langeweile etwas ganz Wunderbares.
Plötzlich werden Kissen zu Höhlen. Kartons verwandeln sich in Häuser. Tiere bekommen einen riesigen Zoo, durch das Kinderzimmer schlängelt sich ein Eisenbahnnetz und irgendwo dazwischen entsteht eine ganze kleine Welt, deren Regeln wahrscheinlich nur meine Jungs verstehen.
Diese Momente entstehen nicht, weil ich sie geplant habe.
Sie entstehen, weil Raum dafür da war.
ich bin keine „Kinderbespasserin“ und das ist oke
Ich sage es ganz offen: Ich bin kein grosser Fan von „Kinderbespassung“.
Und ich spiele auch nicht besonders gerne Rollenspiele mit meinen Kindern. Stundenlang irgendwelche Figuren sprechen zu lassen oder bestimmte Rollen einzunehmen, ist einfach nicht meins.
Dafür liebe ich es, mit meinen Kindern zu kochen und zu backen. Wir basteln und malen zusammen, sind draussen unterwegs und ich zeige ihnen gerne die kleinen und grossen Wunder der Natur.

Und ich finde, auch das dürfen Kinder lernen:
Nicht jeder Mensch mag alles.
Mama muss nicht jedes Spiel genauso gerne spielen wie sie. Genauso wenig müssen meine Kinder alles mögen, was ich gerne mache.
Wir dürfen unterschiedliche Interessen haben und trotzdem wunderschöne gemeinsame Momente erleben.
Müssen Kinder immer etwas vorhaben ?
Viele Kinder haben heute gut gefüllte Terminkalender. Schule oder Kindergarten, Sport, Musik, Kurse, Treffen und andere Aktivitäten.
Und manchmal frage ich mich, ob wir damit vielleicht auch versuchen, möglichst wenig Langeweile entstehen zu lassen.
Dabei beobachte ich bei meinen eigenen Kindern etwas ganz anderes: Nach einem Kindergarten- oder Schulmorgen brauchen sie oftmals gar nicht noch mehr Input.
Sie brauchen weniger.
Meine Jungs sind nach solchen Vormittagen teilweise richtig überreizt. Sie haben so viel erlebt, gehört, gesehen, gelernt und gefühlt. Besonders an den beiden Tagen, an denen mein grosser Sohn auch am Nachmittag Schule hat, merke ich, wie viel das für ihn ist.
Ich sehe Schule und Kindergarten ein Stück weit als die Arbeit unserer Kinder.
Sie verbringen Stunden damit, aufmerksam zu sein, sich in einer Gruppe zurechtzufinden, Regeln einzuhalten, Neues zu lernen, Konflikte zu bewältigen und unzählige Eindrücke aufzunehmen.
All das darf irgendwann auch verarbeitet werden.
Und dafür braucht es meiner Meinung nach nicht immer ein weiteres Programm.
Manchmal braucht es einfach Zuhause.
Ruhe.
Gemütlichkeit.
Und Zeit, in der nichts passieren muss.
auch Ruhe will gelernt sein
Für mich gehört es zur Kindheit dazu, von klein auf zu erfahren, dass Pausen wichtig sind.
Dass wir nicht ständig produktiv sein müssen.
Dass nicht jeder freie Moment gefüllt werden muss.
Und dass Langeweile nichts Schlechtes ist.
Vielleicht ist gerade sie manchmal die kleine Pause zwischen all den Eindrücken, aus der etwas Neues entstehen darf.
Ich wünsche mir, dass meine Kinder später einmal spüren können, wann ihnen etwas zu viel wird. Dass sie sich erlauben können, einen Gang zurückzuschalten. Dass Ruhe für sie nichts Unangenehmes ist, das sofort mit Ablenkung gefüllt werden muss.
Denn unsere Welt wird vermutlich nicht ruhiger werden.
Umso wertvoller finde ich es, wenn Kinder früh erfahren dürfen: Ich darf Pause machen.

im freien Spiel öffnet sich eine andere Welt
Freies Spiel gehört für mich zu den wertvollsten Dingen der Kindheit.
Es gibt kein „Du musst“ und kein „So macht man das“. Niemand gibt vor, was am Ende dabei herauskommen soll.
Kinder dürfen entscheiden.
Sie dürfen ausprobieren, verwerfen, neu anfangen, erfinden und ihrer Fantasie folgen.
Meine Jungs lieben es, sich ganze Welten aufzubauen. Einmal entsteht ein Zoo, dann ein Tierpark und ein anderes Mal ziehen sich Eisenbahnstrecken quer durch das Zimmer. Sie können darin richtig aufblühen und vollkommen in ihrem Spiel versinken – alleine oder gemeinsam.
Und während es von aussen vielleicht aussieht, als würden sie „einfach nur spielen“, passiert dabei unglaublich viel.
Sie entwickeln Ideen, erzählen Geschichten, kommunizieren miteinander, lösen Probleme und lernen, ihre eigenen Vorstellungen mit denen eines anderen Menschen zusammenzubringen.
Und ja – sie streiten dabei auch.
Natürlich.
Der eine möchte die Eisenbahn dort entlangführen, wo der andere gerade seinen Zoo gebaut hat. Einer möchte bestimmen, der andere findet die Idee überhaupt nicht gut.
Aber auch genau darin steckt für mich etwas unglaublich Wertvolles.
Wie löse ich einen Konflikt? Wie sage ich, was mir wichtig ist? Wie höre ich meinem Gegenüber zu? Wie finden wir einen Kompromiss, mit dem beide leben können?
Das sind Fähigkeiten fürs Leben.
Und Kinder lernen sie mitten im Spiel.

vielleicht brauchen Kinder manchmal einfach weniger
Natürlich unternehmen auch wir gerne etwas als Familie. Wir machen Ausflüge, entdecken neue Orte und erleben gemeinsam Dinge.
Aber genauso wertvoll sind für mich inzwischen die Tage, an denen nichts Besonderes im Kalender steht.
Ein langsamer Nachmittag Zuhause.
Etwas backen.
Malen.
Draussen Blätter sammeln.
Eine Eisenbahnstrecke bauen.
Ein Hörspiel hören.
Oder einfach eine Weile nicht wissen, was man machen soll.
Nicht jeder Moment einer Kindheit muss besonders sein.
Vielleicht werden manche Momente gerade dadurch besonders, dass wir nichts aus ihnen machen wollen.
Ich möchte meinen Kindern nicht jeden freien Moment gestalten. Ich möchte ihnen vielmehr den Raum geben, ihn selbst zu gestalten.
Denn wenn ich meine Jungs beobachte, wie sie vollkommen vertieft ihre kleinen Welten erschaffen, miteinander diskutieren, lachen, streiten, Lösungen finden und kurz darauf wieder Seite an Seite weiterspielen, dann denke ich oft:
Genau das ist Kindheit.
Nicht das nächste Programm.
Nicht die nächste Beschäftigung.
Sondern Zeit.
Raum.
Fantasie.
Gemütlichkeit.
Und manchmal eben auch ein bisschen Langeweile.
Vielleicht müssen wir Kindern nicht ständig zeigen, was sie als Nächstes tun können – sondern ihnen öfter die Zeit schenken, es selbst herauszufinden.
