Eine Pfütze am Wegrand. Ein besonders schönes Blatt. Eine Kastanie, die unbedingt mit nach Hause muss. Eine Schnecke, die gefühlt eine Ewigkeit braucht, um den Weg zu überqueren. Oder ein Stein, der für uns einfach nur ein Stein ist und für ein Kind plötzlich etwas ganz Besonderes.
Kinder sehen so vieles, an dem wir Erwachsenen einfach vorbeigehen.
Nicht, weil wir es nicht sehen könnten. Sondern weil wir gedanklich oft schon beim nächsten Punkt sind.
Beim Einkauf. Beim Mittagessen. Bei der Wäsche. Beim Staubsaugen. Bei der Uhrzeit. Bei all den kleinen Dingen, die heute noch erledigt werden sollten.
Und dann kommt ein Kind und bleibt stehen.
„Schau mal!“
Und manchmal ist genau das die Einladung, die wir brauchen.
einfach mal mit „schnägglä“
Ich glaube, viele Eltern kennen den Gedanken:
Dafür habe ich jetzt eigentlich keine Zeit.
Wenn aus einem zehnminütigen Heimweg plötzlich eine halbe Stunde wird, weil jede Schnecke bestaunt, jeder schöne Stein aufgehoben und durch jedes Blättermeer geraschelt werden muss, kann das durchaus herausfordernd sein.
Gerade dann, wenn im Kopf bereits die lange Liste wartet, was zuhause noch alles erledigt werden möchte.
Aber ich merke immer mehr, wie gut es uns tut, wenn ich mich darauf einlasse.
Wenn ich nicht versuche, das Tempo vorzugeben, sondern einfach einmal mit schnäggle.
Plötzlich verändert sich etwas.
Nicht nur bei den Kindern – sondern auch bei mir.
vielleicht ist langsam gar nicht langsam
Es ist erstaunlich, was passiert, wenn wir uns erlauben, für einen Moment aus unserem gewohnten Tempo auszusteigen.
Ich werde geduldiger. Bewusster. Ich nehme meine Umgebung wieder mehr wahr. Ich geniesse Dinge, die sonst irgendwo zwischen Alltag und To-do-Liste untergehen würden.
Und manchmal fühlt sich dieses langsame Unterwegssein schon fast wie Erholung an.
Gerade in unserer hektischen Zeit, in der wir so oft versuchen, möglichst viel in einen Tag zu packen, zeigen uns Kinder etwas unglaublich Wertvolles:
Dieser Moment muss nirgendwohin führen. Er darf einfach schön sein.
Die Pfütze muss keinen Sinn haben.
Die Kastanie braucht keinen Zweck.
Und die Schnecke muss sich ganz bestimmt nicht beeilen.
Vielleicht müssen wir das manchmal auch nicht.

wenn Kinder einfach sein dürfen
Auch bei unseren Kindern merke ich einen Unterschied.
Wenn sie die Zeit bekommen, etwas zu entdecken, ihrem eigenen Interesse zu folgen oder einfach das zu tun, worauf sie gerade Lust haben, wirken sie oft ausgelassener und entspannter.
Ich glaube, es geht dabei um viel mehr als um eine Pfütze oder einen Stein.
Sie spüren:
Das, was mich gerade interessiert, darf wichtig sein.
Ich werde gesehen.
Ich darf mir Zeit nehmen.
Und wir alle wissen, welchen Unterschied es für einen Familienalltag machen kann, wenn nicht schon alle angespannt, gehetzt und überreizt nach Hause kommen.
Entspannung überträgt sich.
Genauso wie Stress.
aber die Wäsche wartet doch …
Natürlich bedeutet bewusstes Leben nicht, dass wir ab jetzt jeden Nachmittag stundenlang Schnecken beobachten und zuhause im Chaos versinken müssen.
Der Alltag ist da.
Die Wäsche muss irgendwann gewaschen werden. Der Boden möchte irgendwann gesaugt werden. Das Essen kocht sich nicht von alleine und gewisse Dinge müssen einfach erledigt werden.
Aber ich frage mich immer öfter:
Was wird mir am Ende dieses Tages wirklich in Erinnerung bleiben?
Dass der Boden um 16 Uhr frisch gesaugt war?
Dass die Wäsche noch am selben Tag ordentlich im Schrank lag?
Oder dass wir draussen waren, gelacht haben, durch Blätter gelaufen sind und meine Kinder mir voller Begeisterung ihren schönsten Stein gezeigt haben?
Ich glaube, wir kennen die Antwort.

zwischen Ordnung und loslassen
Und trotzdem möchte ich hier ganz ehrlich sein:
Ich bin selbst noch lange nicht dort, wo ich gerne sein möchte.
Ich brauche Ordnung, um zur Ruhe zu kommen. Wenn zuhause zu viel herumliegt oder sich die Aufgaben stapeln, fällt es mir schwer, innerlich abzuschalten.
Gleichzeitig möchte ich nicht irgendwann zurückblicken und merken, dass ich so sehr damit beschäftigt war, alles in Ordnung zu halten, dass ich dabei die kleinen Momente verpasst habe.
Dieser Spagat ist für mich eine Herausforderung.
Ordnung zu brauchen und trotzdem loszulassen.
Struktur zu mögen und trotzdem spontan zu sein.
Dinge erledigen zu wollen und gleichzeitig sagen zu können:
Das kann warten. Jetzt ist gerade etwas anderes wichtiger.
Ich suche meinen eigenen Weg dazwischen.
Und vielleicht gibt es diesen einen perfekten Weg gar nicht.
ein bisschen weniger streng mit uns selbst
Vielleicht beginnt bewusstes Familienleben auch genau dort: nicht damit, alles perfekt zu machen, sondern ein bisschen liebevoller mit uns selbst zu werden.
Nicht jeder Spaziergang muss achtsam sein.
Nicht immer haben wir die Geduld, zwanzig Minuten neben einer Pfütze zu stehen.
Manchmal müssen wir tatsächlich weiter.
Und manchmal ist die Wäsche eben wichtig.
Aber vielleicht können wir dort, wo es möglich ist, ein kleines bisschen häufiger loslassen.
Den Perfektionismus.
Die Vorstellung davon, was wir heute noch alles schaffen müssten.
Und vielleicht auch den Druck, selbst dieses bewusste Leben wieder „richtig“ machen zu müssen.
Ich versuche, mich immer wieder daran zu erinnern, dass ich nicht an irgendeinem Punkt ankommen muss.
Ich darf ausprobieren. Scheitern. Mich wieder im Alltag verlieren. Und mich erneut daran erinnern.
Jedes Mal ein kleines Stück mehr.
der Weg ist vielleicht wirklich das Ziel
Ich glaube inzwischen, dass es für mich kein endgültiges Ziel geben wird.
Keinen Moment, an dem ich sagen kann:
Jetzt habe ich die perfekte Balance gefunden.
Denn unser Leben verändert sich. Unsere Kinder verändern sich. Wir verändern uns.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, irgendwann anzukommen.
Vielleicht geht es darum, immer wieder hinzuschauen.
Zu spüren, was wir gerade brauchen.
Und manchmal einfach stehen zu bleiben, wenn ein Kind ruft:
„Schau mal!“
Denn vielleicht liegt genau dort etwas, wonach wir Erwachsenen so oft suchen.
Ein bisschen Ruhe.
Ein bisschen Leichtigkeit.
Ein bisschen mehr Verbindung.
Und ein Leben, das nicht erst dann beginnt, wenn alles erledigt ist.
Sondern genau jetzt.
Mitten zwischen Pfützen, Blättern, Kastanien, Schnecken, herumliegender Wäsche und einem Boden, der auch morgen noch gesaugt werden kann.
Vielleicht müssen wir unseren Kindern nicht immer zeigen, wie das Leben funktioniert. Manchmal dürfen wir uns von ihnen zeigen lassen, wie man es lebt.
