Bevor ich meine Gedanken zu diesem Thema teile, ist mir eines besonders wichtig: Das hier ist meine ganz persönliche Haltung und unser Weg als Familie. Ich glaube nicht, dass es in diesem Bereich den einen richtigen Weg für alle Familien gibt.
Jede Familie darf für sich entscheiden, was sich richtig und stimmig anfühlt. Ich möchte mit diesem Beitrag weder urteilen noch überzeugen, sondern einfach meine Gedanken und Erfahrungen teilen. Denn ein Grundsatz, der mir sehr am Herzen liegt, ist: Leben und leben lassen.
Wenn wir Eltern werden, möchten wir unseren Kindern so vieles mitgeben. Werte, die uns wichtig sind. Einen liebevollen Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit Tieren und mit unserer Umwelt. Wir möchten sie beschützen, ihnen Orientierung geben und natürlich wünschen wir uns, dass sie vieles von dem mitnehmen, was uns selbst am Herzen liegt.
Für mich gehört dazu auch die pflanzliche Ernährung.
Und trotzdem glaube ich nicht, dass unsere Kinder perfekt vegan essen müssen, um unsere Werte zu verstehen und mitzutragen.
Ich glaube vielmehr daran, dass wir sie begleiten dürfen. Ehrlich, liebevoll und ohne Druck.
unsere Werte und trotzdem Ihren eigenen Weg
Bei uns zu Hause ist die pflanzliche Ernährung ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags. Unsere Kinder wissen, warum wir uns so ernähren und welche Gedanken dahinterstehen.
Dabei ist mir wichtig, dass wir die Herkunft tierischer Lebensmittel nicht romantisieren.
Unsere Kinder dürfen wissen, wo Milch, Eier oder Fleisch tatsächlich herkommen. Sie dürfen altersgerecht verstehen, dass hinter tierischen Lebensmitteln Tiere und bestimmte Formen der Tierhaltung stehen. Nicht, um ihnen Angst oder ein schlechtes Gewissen zu machen – sondern weil ich finde, dass Ehrlichkeit eine wichtige Grundlage für bewusste Entscheidungen ist.
Gleichzeitig gibt es bei uns keine Verbote.
Und genau das ist manchmal gar nicht so einfach.
Denn natürlich gibt es Momente, in denen unsere Kinder etwas essen möchten, hinter dem ich persönlich nicht stehen kann. Momente, in denen es mir vielleicht sogar ein wenig im Herzen weh tut.
Dann muss ich mich daran erinnern: Es ist ihre Erfahrung – nicht meine.
Kinder dürfen Ihre eigenen Erfahrungen machen
Als Eltern möchten wir unseren Kindern am liebsten all das mitgeben, was wir selbst im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Wir haben Erfahrungen gesammelt, uns informiert, Entscheidungen getroffen und wünschen uns natürlich, dass unsere Kinder von diesem Wissen profitieren.
Aber unsere Kinder sind nicht wir.
Sie sind eigene kleine Menschen mit eigenen Gedanken, Fragen, Bedürfnissen und irgendwann auch ganz eigenen Überzeugungen.
Ich kann ihnen erzählen, warum ich mich für die vegane Ernährung entschieden habe. Ich kann ihnen zeigen, wie vielfältig und lecker pflanzliches Essen sein kann. Ich kann ihnen erklären, wo Lebensmittel herkommen. Und vor allem kann ich ihnen meine Werte vorleben.
Aber ich möchte nicht, dass sie meine Haltung übernehmen, weil sie Angst haben, mich zu enttäuschen.
Ich wünsche mir, dass sie irgendwann ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Aus Wissen, Mitgefühl und innerer Überzeugung.
begleiten statt kontrollieren
Für mich bedeutet bewusste Begleitung deshalb nicht, jede Entscheidung meiner Kinder gutzuheissen.
Es bedeutet vielmehr, ihnen einen sicheren Raum zu geben, in dem sie ausprobieren, fragen und auch Entscheidungen treffen dürfen, die nicht meinen eigenen entsprechen.
Unsere Kinder kennen meine Ansichten und meine Beweggründe. Sie akzeptieren, dass mir eine pflanzliche Lebensweise wichtig ist.
Und im Gegenzug möchte auch ich ihre Entscheidungen respektieren.
Das bedeutet nicht, dass ich meine Werte aufgebe. Und es bedeutet auch nicht, dass mir alles egal ist.
Es bedeutet für mich, Beziehung über Kontrolle zu stellen.
Ich darf sagen:
„Ich persönlich möchte das nicht essen, weil es nicht mit meinen Werten übereinstimmt.“
Und gleichzeitig darf mein Kind eine andere Entscheidung treffen.
Vielleicht entsteht gerade dadurch viel mehr Bewusstsein als durch ein striktes Verbot.
kein schlechtes Gewissen am Familientisch
Essen sollte für Kinder nicht mit Schuld verbunden sein.
Ich möchte nicht, dass unsere Kinder nach einem Stück Kuchen bei den Grosseltern, einem Glace unterwegs oder einem nicht veganen Lebensmittel das Gefühl haben, etwas „Falsches“ getan zu haben.
Denn Ernährung ist so viel mehr als einzelne Lebensmittel.
Sie ist Alltag. Gemeinschaft. Genuss. Neugier. Kultur. Familie. Und manchmal eben auch ein Kompromiss.
Natürlich dürfen wir unseren Kindern Orientierung geben. Wir dürfen erklären, weshalb wir bestimmte Lebensmittel kaufen und andere nicht. Wir dürfen unsere Werte vertreten.
Aber wir müssen daraus keinen perfekten veganen Familienalltag machen.
Denn den gibt es wahrscheinlich sowieso nicht.
Alltag statt Idealbild
Gerade wenn wir uns mit Ernährung beschäftigen, entsteht schnell dieses Bild davon, wie es eigentlich sein sollte.
Ausgewogen. Vollwertig. Selbst gekocht. Regional. Saisonal. Bio. Vegan.
Und selbstverständlich sollten die Kinder am besten alles davon begeistert essen.
Die Realität mit Kindern sieht manchmal anders aus.
Manchmal wird das liebevoll gekochte Gemüse verschmäht. Manchmal besteht das gewünschte Abendessen aus Nudeln mit nichts. Manchmal möchte ein Kind genau das probieren, was ein anderes Kind gerade isst.
Und manchmal dürfen wir dieses Idealbild einfach loslassen.
Nicht jeder Teller muss perfekt sein.
Nicht jede Entscheidung muss unseren Vorstellungen entsprechen.
Und nicht jede Ausnahme stellt unsere gesamte Haltung infrage.
Bewusstsein entsteht nicht durch Perfektion. Es wächst durch Erfahrungen.
Vertrauen in unsere Kinder
Vielleicht ist genau das für mich einer der wichtigsten Punkte: Vertrauen.
Vertrauen darauf, dass all die kleinen Dinge, die wir unseren Kindern mitgeben, irgendwo ihren Platz finden.
Die gemeinsamen Mahlzeiten. Die Gespräche über Lebensmittel. Der Besuch auf dem Markt. Das Gemüse aus dem Garten. Die Frage, woher unser Essen eigentlich kommt. Das gemeinsame Kochen. Unser Umgang mit Tieren und der Natur.
Kinder nehmen so viel mehr wahr, als wir manchmal glauben.
Wir müssen nicht jede Entscheidung kontrollieren, damit unsere Werte bei ihnen ankommen.
Vielleicht dürfen wir viel öfter einfach vorleben, erklären, Fragen beantworten und dann vertrauen.
leben und leben lassen
Was für unsere Familie stimmig ist, muss nicht für eine andere Familie passen.
Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern einen konsequent veganen Weg gehen. Andere Familien leben vegetarisch, wieder andere essen bewusst weniger tierische Produkte und manche beschäftigen sich mit diesem Thema vielleicht überhaupt nicht.
Ich möchte keinen dieser Wege bewerten.
Denn genauso, wie ich mir wünsche, dass meine Haltung und meine Entscheidungen respektiert werden, möchte ich auch anderen Menschen diesen Respekt entgegenbringen.
Für mich bedeutet „Leben und leben lassen“ nicht, keine eigene Meinung zu haben. Im Gegenteil. Ich darf klare Werte haben, für sie einstehen und sie meinen Kindern mitgeben – ohne daraus den Anspruch abzuleiten, dass andere genauso leben müssen wie ich.
Vielleicht können irgendwann unterschiedliche Haltungen nebeneinander bestehen, ohne dass eine davon die andere kleinmachen muss. Das würde ich mir wünschen.
der Weg darf ihrer sein
Ich wünsche mir nicht, dass unsere Kinder irgendwann sagen:
„Ich ernähre mich vegan, weil meine Eltern das von mir erwartet haben.“
Ich würde mir wünschen, dass sie eines Tages sagen können:
„Meine Eltern haben mir gezeigt, warum ihnen dieser Weg wichtig ist. Sie haben ehrlich mit mir gesprochen, mir vieles vorgelebt und mir trotzdem den Raum gelassen, selbst darüber nachzudenken.“
Vielleicht entscheiden sie sich später genauso wie wir.
Vielleicht gehen sie ihren ganz eigenen Weg.
Beides gehört für mich zum Loslassen und zum Elternsein dazu.
Unsere Aufgabe ist nicht, kleine Menschen zu formen, die genauso denken und handeln wie wir.
Wir dürfen ihnen vielmehr Wurzeln aus unseren Werten und gleichzeitig Flügel für ihre eigenen Entscheidungen geben.
Und bis dahin dürfen wir gemeinsam lernen, ausprobieren, reden, zweifeln, Kompromisse finden und immer wieder neu hinschauen.
Nicht perfekt.
Aber bewusst.
Und vor allem miteinander.
Denn am Ende darf jede Familie ihren eigenen Weg finden. Mit Respekt für sich selbst und für die Wege der anderen. Leben und leben lassen.
