wenn Kinder Gemüse nicht mögen – gelassen bleiben statt Druck machen

„Mein Kind isst einfach kein Gemüse.“

Ein Satz, den wahrscheinlich viele Eltern kennen und der schnell Sorgen auslösen kann. Bekommt mein Kind genügend Vitamine? Muss ich mehr darauf bestehen? Soll ich das Gemüse verstecken? Und wie schaffe ich es, dass es wenigstens einmal probiert?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen: Ich persönlich kenne die Situation, dass ein Kind Gemüse grundsätzlich ablehnt, aus unserem Familienalltag nicht. Unsere Kinder essen seit sie klein sind sehr gerne Obst und Gemüse und zum Glück auch ziemlich vielfältig.

Aber natürlich mögen auch sie längst nicht alles.

Und genau dabei habe ich über die Jahre etwas Spannendes beobachtet: Bei manchen Lebensmitteln scheint es für Kinder fast nur zwei Möglichkeiten zu geben. „Das liebe ich!“ oder „Nein, danke!“ Dazwischen gibt es erstaunlich wenig.

Und für mich ist genau das vollkommen in Ordnung.


nicht jedes „Nein“ braucht eine grosse Reaktion

Ich persönlich versuche, aus dem Essen möglichst kein grosses Ding zu machen, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Wenn eines unserer Kinder ein bestimmtes Gemüse nicht mag, koche ich es trotzdem weiterhin. Nicht mit dem Ziel, dass es irgendwann endlich davon essen muss, sondern ganz einfach deshalb, weil die anderen Familienmitglieder es gerne mögen.

Zucchetti ist bei uns zum Beispiel so ein Kandidat.

Wenn es Zucchetti gibt, frage ich ganz selbstverständlich:

„Möchtest du auch Zucchetti?“

Die Antwort lautet zu 99 %:

„Nein, danke.“

Und meine Antwort darauf?

„Okay, dann hat es mehr für uns.“

Das war’s.

Kein „Probier doch wenigstens ein Stück.“
Kein „Aber das ist gesund.“
Kein „Letztes Mal hast du es doch auch gegessen.“

Er nimmt sich dafür mehr von dem anderen Gemüse oder den anderen Komponenten auf dem Tisch und für mich passt das.

Denn ich glaube, dass wir manchmal viel mehr Ruhe ins Familienessen bringen können, wenn wir ein Nein zunächst einfach als Nein stehen lassen.

Und vielleicht muss ich unseren Sohn bei der Zucchetti sogar ein kleines bisschen in Schutz nehmen.

Denn wenn ich ganz ehrlich bin: Ich mochte Zucchetti früher selbst überhaupt nicht. Heute liebe ich sie und könnte sie in allen möglichen Varianten essen.

Und ich habe sogar eine Freundin, die Zucchetti lange überhaupt nicht mochte und langsam, ganz langsam, fängt auch sie an, sich mit ihnen anzufreunden.

Vielleicht ist die Zucchetti also einfach kein ganz einfaches Gemüse. Ihre weiche Konsistenz und der eher zurückhaltende Geschmack sind offenbar nicht für jeden Liebe auf den ersten Bissen.

Und eigentlich zeigt genau das so schön: Geschmack darf sich entwickeln. Was wir heute nicht mögen, kann in ein paar Jahren plötzlich ganz anders schmecken. Und wenn das sogar bei uns Erwachsenen so ist, dürfen wir unseren Kindern diese Zeit erst recht zugestehen.

Vielleicht wird unser Sohn die Zucchetti irgendwann lieben. Vielleicht auch nicht.

Bis dahin gilt bei uns weiterhin: Mehr Zucchetti für den Rest der Familie.


immer wieder anbieten – ohne Erwartung

Dass ein Kind heute keine Zucchetti möchte, bedeutet nicht automatisch, dass es sie für immer ablehnen wird.

Geschmäcker verändern sich. Kinder entwickeln sich. Konsistenzen werden plötzlich anders wahrgenommen und manchmal wird ein Lebensmittel, das jahrelang uninteressant war, irgendwann doch probiert.

Deshalb finde ich es schön, Lebensmittel weiterhin ganz selbstverständlich anzubieten.

Nicht:

„Jetzt probier doch endlich einmal.“

Sondern:

„Möchtest du?“

Und wenn die Antwort Nein lautet, ist das genauso okay.

Für mich liegt darin ein grosser Unterschied. Das Lebensmittel bleibt sichtbar und gehört weiterhin ganz selbstverständlich zu unserem Familienessen – aber das Kind entscheidet, ob es davon essen möchte.

Anbieten statt überreden. Vorleben statt überzeugen.


Aber was ist mit den Vitaminen ?

Ich glaube, genau hier entsteht bei vielen Eltern die grösste Unsicherheit.

Wenn das eigene Kind kaum oder nur sehr wenige Gemüsesorten isst, kommen verständlicherweise Gedanken auf wie: Bekommt es denn überhaupt alles, was es braucht?

Dabei dürfen wir uns bewusst machen, dass wertvolle Nährstoffe nicht ausschliesslich in Gemüse stecken.

Auch Obst, Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, Nüsse und Samen sowie andere pflanzliche Lebensmittel können viele wichtige Nährstoffe liefern.

Vielleicht gibt es also eine Phase, in der ein Kind deutlich lieber Obst als Gemüse isst. Dann darf Obst meiner Meinung nach auch seinen Platz bekommen, anstatt daraus den nächsten Kampf zu machen.

Ernährung besteht schliesslich nicht aus einer einzelnen Mahlzeit und auch nicht aus einem einzigen Tag.

Ich schaue viel lieber auf das Gesamtbild über einen längeren Zeitraum.

Was isst mein Kind gerne?
Welche Lebensmittel funktionieren gut?
Wie vielfältig ist seine Ernährung insgesamt?
Und wo können wir ganz unkompliziert ergänzen?

Oft nimmt das schon einiges an Druck heraus.


Gemüse darf auch mal unsichtbar sein

Ich finde ausserdem, dass nicht jedes Stück Gemüse als solches erkennbar auf dem Teller liegen muss.

Gerade mildere Gemüsesorten lassen sich wunderbar in Gerichte integrieren: Zucchetti, Kürbis oder Karotten können beispielsweise püriert in einer Pastasauce, Suppe, einem Curry, in Pancakes oder sogar in Gebäck landen.

Für mich geht es dabei aber nicht darum, Kinder auszutricksen oder ihnen heimlich etwas unterzujubeln.

Vielmehr sehe ich es als eine weitere Art, Lebensmittel zuzubereiten.

Eine rohe Karotte, eine gekochte Karotte und eine pürierte Karotte in einer Sauce sind sensorisch drei ziemlich unterschiedliche Erfahrungen. Vielleicht wird eine davon gerne gegessen und die andere nicht und auch das darf sein.


Gelassenheit braucht manchmal Sicherheit

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen „Mein Kind mag fünf Gemüsesorten nicht“ und „Mein Kind ernährt sich dauerhaft nur von einer sehr kleinen Auswahl an Lebensmitteln.“

Wenn Eltern sich wirklich Sorgen machen, ob ihr Kind ausreichend mit Nährstoffen versorgt ist, finde ich es völlig legitim, sich fachliche Unterstützung zu holen und mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt zu besprechen, ob eine gezielte Kontrolle bestimmter Blutwerte sinnvoll ist.

Manchmal bringt allein diese Sicherheit unglaublich viel Ruhe.

Denn wenn wir wissen, dass unser Kind gut versorgt ist, fällt es vielleicht auch leichter, am Esstisch wieder gelassener zu werden.


vielleicht müssen Kinder Gemüse gar nicht lieben

Ich glaube nicht, dass das Ziel sein muss, dass ein Kind jedes Gemüse liebt.

Wir Erwachsenen mögen schliesslich auch nicht alles.

Der eine liebt Rosenkohl, der andere kann ihn nicht ausstehen. Manche mögen Pilze, andere würden sie am liebsten aus jedem Gericht herauspicken. Warum sollten Kinder keine eigenen Vorlieben haben dürfen?

Für mich darf unser Job als Eltern deshalb vielmehr darin liegen, Vielfalt anzubieten, vorzuleben und Möglichkeiten zu schaffen.

Und dann dürfen wir ein Stück weit vertrauen.

Vielleicht wird die Zucchetti irgendwann doch probiert.

Vielleicht auch nicht.

Bis dahin bleibt eben mehr für uns.

Denn am Ende wünsche ich mir nicht, dass meine Kinder möglichst viele Gemüsesorten von einer imaginären Liste abhaken können. Ich wünsche mir vielmehr, dass sie Essen mit etwas Schönem verbinden, ihren eigenen Körper und Geschmack kennenlernen und wissen:

Ich darf probieren. Ich darf entdecken. Ich darf mögen. Und ich darf auch Nein sagen.

Und manchmal beginnt eine vielfältige Ernährung vielleicht genau dort. Nicht mit einem weiteren Löffel Gemüse, sondern mit Vertrauen, Zeit und einem entspannten Platz am Familientisch.

Dieser Beitrag beschreibt meine ganz persönliche Haltung und unsere Erfahrungen als Familie. Jede Familie und jedes Kind ist anders und genauso unterschiedlich dürfen auch die Wege rund ums Essen sein.

Wir müssen Kindern nicht beibringen, alles zu mögen. Wir dürfen ihnen die Zeit und den Raum geben, ihren eigenen Geschmack zu entdecken.

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